Saftpresse

Da steht er, der Weißenstein, direkt an der Straße, kaum ein Zustieg zum Kletterfelsen kann kürzer sein, Sichern von der Anhängerkupplung aus quasi. Am Weißenstein selbst sind die fränkischen Klassiker schlechthin, überhängende löchrige Ausdauerkletterei. Der Dampfhammer, der Entsafter, die Saftpresse – das sind die Namen die durch die Kletterwelt schweben, und sich irgendwann auch in meinem Hirn verhakt haben. Werde ich jemals einen von diesen Klassikern klettern können?

Die Panische Zeiten 7+ von Kurt Albert, aus dem Jahr 1980, am rechten Rand habe ich im Frühjahr 2022 im onsight runtergerissen.


29.   April 2023

Ich komme gerade aus Arco, wo ich meine erste 7b+ geklettert bin. Na bitte, da wird ja wohl so ein fränkischer 8er im Flash gelingen. So meine Idee.

Ich will den Dampfhammer! Für dieses Vorhaben konnte ich mir keinen schlechteren Termin aussuchen. Der Fels ist voller Menschen, gleich mehrere DAV-Kurse und auch der sächsische Kletterkader ist hier am Trainieren. Es ist ein verlängertes Wochenende und das Wetter ist stabil sehr gut. Es sind quasi alle Routen belegt mit Exen und mit Menschen. Es ist schwierig eine freie Tour zu finden. Auch Korbi ist mit seinem Kurs am Fels: „Was willst Du denn machen?“ fragt er mich. Ja, was wohl!? Ich will einen dieser Klassiker, ja genau das will ich hier heute und jetzt. Mir beweisen, daß ich das Klettern kann. Ich liebe diese athletische Kletterei und die Panischen Zeiten gingen ja auch ganz flux – vor einem Jahr.

Da der Dampfhammer dauerhaft belegt ist, schlägt er mir die Saftpresse vor. „Die ist auch schön!“

Also gut! Da hängen auch schon Exen drinn, also ja, warum nicht!? Perfekt. Ich steige ein!

„Soll ich Dir die Griffe ansagen?“ „Ja, klar immer her damit!“ Mit Ralf habe ich den perfekten Sicherungspartner – was soll da jetzt noch schief gehen? Korbi soufliert und ich mache genau das was er sagt. Bis zum vierten Haken. Mit dem habe ich mir nämlich einen klassischen Z-Klipp eingehängt. Unter Vollspannung löse ich die untere Exe und klettere noch zwei Züge weiter bis ich abfalle. Die Korrektur hat mich zu viel Kraft gekostet. Nach ein wenig Sitzen, Ärgern, Schütteln, Ausruhen klettere ich noch ein Stück in die Höhe bis es mich voll aus der Wand reißt und ich in der Luft pendle. Keine Chance wieder an die Wand zu kommen. So lässt mich Ralf ab und ich frage mich: Was war das denn jetzt für eine Vorstellung?

Die Überheblichkeit weicht der Demut und das Ganze hier ist mir nur noch peinlich. Einen zweiten Versuch gibt es für mich hier an diesem Tag nicht mehr. Die junge Frau, der die Exen gehören zieht direkt nach mir ihre Rotpunktbegehung und baut die Exen ab.

Bei mir ist der Saft wortwörtlich raus, ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die Exen da überhaupt hinauf bringen soll. Die ganzen Menschen gehen mir zunehmend auf den Nerv. Für heute muss ich weg hier. Der Traum vom Klassikerflash ist dahin. War der Gedanke vielleicht doch zu gewagt?

26. Juni 2023

Der Plan ist klar, die Arbeit beginnt. Am Montag geht es zum Weißenstein. Nicky feiert den Plan schon seit zwei Tagen: „Ich sichere Dich überall hoch und steige alles bis 9 nach!“ So Ihre Ansage. Die Sonne, die Wärme des Sommers ist mir egal, ich will dahin!

 

Die Saftpresse, ist ein klassischer 8er, ebenfalls von Kurt Albert im Jahre 1980 erstbegangen. Ein Ausdauerhammer, 14m hoch und wahrscheinlich ebensoweit überhängend. Die Tour kann man in vier Zonen einteilen:

-       Unterer senkrechter recht glatter Wandbereich, Griffabfolge völlig unklar, weil ich die Ansagen von Korbi direkt wieder vergessen habe

-       Kurze Querung und Überwindung der überhängenden Wulst

-       Überhängende Wandkletterei an typischem fränkischen Löcherkäse

-       Weiter Ausstiegszug nach rechts und dranbleiben zum Umlenker in dem dann leicht geneigtem Gelände

Der Name ist Programm! Nachdem ich die Tour von Haken zu Haken sauber eingehängt habe, ich sie mit Seil von oben sogar in nur zwei Sequenzen klettern konnte, bin ich breit. Der Bizeps brennt. Unglaublich wie diese Wand die Kraft aus den Armen zieht.

20. August 2023

Mit Seil von oben bis zum 5. Klipp geklettert. Viel mehr ist da heute nicht drinn. Es ist warm und mein Kopf mit anderen Dingen beschäftigt.         

05. November 2023

Wieder einmal ein Sonntag am Weißenstein. Inzwischen ist es Herbst geworden und kalt. Der Gripp ist gut, aber heute steige ich nicht in die Saftpresse ein. Ich fühle es heut einfach nicht. Statt dessen arbeiten wir uns an der Wilden 13 (8-) ab, die ich schlußendlich mit Seil von oben in zwei Sequenzen klettern kann. Ich gehe hier heute mit dem Vorhaben weg, über den Winter ordentlich Kraft zu trainieren und im Frühjahr dann mit frischer Energie wieder zu kommen. Dann wird es schon werden!

14. April 2024

Geschmeidig sauberer Durchstieg über die überhängende Wulst bis in den überhängenden Wandteil. Dort ist die Griffabfolge nicht klar und folgerichtig flieg ich da raus. Da ich aber heute, am vierten Klettertag sowieso nicht mit einem Durchstieg gerechnet habe, nehme ich die Aufgabe fröhlich an und bouldere die Sequenz so lange aus, bis sie klar ist. Hier klippe ich dieses Mal den fünften Haken in direkter gerader Linie nach oben. Das verwirrt ein wenig, fühlt sich aber gut an. Es erspart mir das weite nach rechts beugen nur um zu klippen. Am Wandfuß erklärt uns ein Einheimischer, daß das genau richtig so geklippt ist. Waren alle anderen vorherigen Versuche also unnötig schwer? Ich habe die Exenfolge quasi von der Frau im April letzten Jahres übernommen.

Nun denn ich bin jedenfalls mit dem Ergebnis dieses Tages echt zufrieden. Habe ich doch zum ersten Mal das Gefühl nun genau zu wissen wie es geht! Noch ein bisschen Kraft trainieren, der rechten verletzen Hand (Skidaumen – ich haben mir im Januar das Daumengrundgelenk unsanft um den Skistock gewickelt) noch ein bisschen Zeit geben und da wird das schon werden, denke ich.

Noch am gleichen Abend zeichne ich die heute ausgeboulderte Griffabfolge in das digitale Bild hinein. Die Ausdrucke in A4 und A3 geben mir Sicherheit und Zuversicht, so wird das beim nächsten Mal gut laufen!

10. Juni 2024

Heute ist der Tag! Nur wegen dieser Tour habe ich mir den Montag noch frei genommen. Quasi nur wegen des Weißensteins bin ich überhaupt hier in Franken. Heute läuft es! Heute muss es gehen! Ist doch alles klar!

Hier geht heute gar nichts!! Im unteren ersten Wandteil holt mich gleich mal meine Unwissenheit ein. Nein, die Griffabfolge ist hier immer noch nicht klar! Ehrlich gesagt bin ich den unteren Teil gefühlt jedes Mal anders geklettert, das fiel aber bisher nicht wirklich ins Gewicht. Heute schon! In der großen Wulst merke ich wie ich null Körperspannung an die Wand bringe. Der weite Zug in den Untergriff ist unmöglich. Sprich ich komme nicht mal ansatzweise so weit wie im April. Ich breche den Versuch am dritten Haken ab.

Nach einer längeren Pause sieht der zweite Versuch nicht wirklich besser aus. Ich könnte heulen! Bin wirklich traurig. Wundere mich über meine Freunde mit wie viel Positivum sie hier immer wieder mit mir zum diesem Fels fahren. Stehle ich Ihnen nicht die Zeit vielleicht auch mal an einen anderen Felsen zu fahren?

Ich frage mich: „Warum will ich unbedingt diese Tour klettern? Warum will ich unbedingt einen Klassiker am Weißenstein klettern? Ja, ich will unbedingt so einen Klassiker am Weißenstein klettern. Es ist für mich ein Statussymbol. Ein Symbol für eine wirklich starke Kletterin und die will ich sein!“

In mir drinnen beginnen die bekannten Diskussionen: „Ist das mit diesen Statussymbolen nicht völlig blödsinnig? Wer braucht diese schon? Ich bin damit doch nicht weniger oder mehr wert!“ Wieder ist’s  dieser Begriff des Wertes, der mich innerlich noch mehr in Rage bringt. „Welcher WERT überhaupt? Welchen WERT messe ich mir, messe ich einem Menschen zu?“ In mir drinnen brodelt’s und es gelingt mir hier heute auch nicht Ruhe hineinzubringen.

„Soll ich es einfach lassen? Akzeptieren, daß ich diesen Klassiker eben nicht klettern kann? Eben keine Schwerkletterin bin?“

Nicky und Katja sind da ganz klar in Ihren Aussagen: „Ja, klar ist das verständlich, daß Du das klettern willst! ...und nein, Du bist keine Last, wir fahren immer wieder mit Dir hier her und wünschen Dir das es irgendwann gelingt!“

Mein inneres kleines ich: „Wirklich?“

Nicky setzt noch einen drauf: „Das hier ist Beziehungsarbeit! Das ist der Weg! Du baust eine Beziehung zu der Tour auf und da gibt es wohl noch etwas was gesehen werden will!“

Auch Jörg findet am Abend so klare Worte: „Na, ist doch auch blöd von wegen - ging locker und leicht im 2. GO - Güllich hat doch seine Touren auch nicht mal eben gemacht! Nein, da musst Du eben noch ein bisschen arbeiten bis es gelingt!“

11. Juni 2024

Einen Tag später stehe ich beim Krafttraining im Gym und kann die Tour komplett von unten bis oben im Geist klettern. Ich spüre die Bewegungen, die Druckstellen in den Fingern, Zug für Zug, stehe ich mitten in der Tour. Am Abend hole ich die A3-Blätter mit den Bildern der Tour hervor und fangen an die Griffe und Tritte erneut hinein zu zeichnen, schreibe Anmerkungen dazu. Ja, ich gehe so weit, daß ich mir einen Tag später das Bild von der Saftpresse in A1 Größe ausdrucken lasse. Es ist so schön, daß ich es direkt in meinem Büro an die Wand hänge. Ich habe das Gefühl jetzt nimmt diese Beziehungsarbeit fast wissenschaftliche Züge an. Aber ich habe Freude daran. Nun weiß ich, es sind 29 Züge!

29 Züge ins Glück!?

 

22. Juni 2024

Der Plan war recht klar. Heute auf dem Weg in die Alpen in Franken halt machen und einen Versuch starten. Der Alpenplan geht wetterbedingt nicht auf. Nun steht die Frage: „Für das Projekt nach Franken fahren?“ Aber was ist das? In mir kommt die Angst vor dem wiederholten Scheitern hoch. Nein, ich habe gerade keine Lust erneut zu Scheitern, ich will es einfach nicht.

Da ist noch so ein seltsamer Gedanke: „Darf ich wirklich erst in den Dampfhammer einsteigen, wenn ich dieses Projekt beendet habe?“ Was ist denn das für eine verquerer Gedanke? Ja, klar, die Wand hängt so sehr über, daß meine Kraft für zwei Versuche reicht und dann ist der Tag meist zu Ende. Also entweder das eine oder das andere? Und dann habe ich schlußendlich zwei oder drei offene Projekt in der Wand?

Fortsetzung folgt…

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