Wounded Knee

„Du Agnes, ich fühle es heute nicht!“ Wir stehen in der zweiten Seillänge der Wounded Knee. Eine 10 Seillängen und 400m lange Tour durch die Nordostwand des Sas Masores am Sellastock im Schwierigkeitsbreich 6+. Was mir mein Seilpartner hier gerade vermitteln will ist, daß er sich heute mit dem Vorsteigen schwer tut, eine legitime Feststellung. Ich bin sehr froh über diese offene, ehrliche Kommunikation zwischen uns.

„Das heißt ich soll es führen?“
„Oder wir Seilen hier ab?“
„Ja, so ist es.“ Er guckt mich ein bisschen traurig verzweifelt an.
In mir drinnen geht sofort eine Monsterdiskussion meines inneren Teams los. Alle sind am Start!
Die Sicherheitsbeamtin zuckt zusammen: Das sind 10 Seillängen. Keine unter 45 m zu haben!
Der Energiemanager meint: Bei mir ist alles ready. Batterien sind vollgeladen, im grünen Bereich!
Die Abenteurerin: Lass es uns machen. Du hast Dir diese Tour im letzten Jahr im vollen Bewusstsein Deiner geistigen Kräfte auf die ToDoListe gesetzt!
Die Zögerliche: Bist Du sicher, daß die 6er Stellen, mal eben so gehen?
Die Energiemanagerin verweist erneut auf die vorhandenen Reserven!
Die Erfahrene meint: Na, das ist schon kletterbar sicherlich.
Das Ego schweigt, lugt nur ganz vorsichtig um die Ecke und schweigt, vorerst.
Eine erneute Nachfrage beim Energiemanagement ergibt: Go for it!

Die Tour: Wounded Knee an der Nordostwand, des Sass Masores am Sellamassiv ist 430 m lang. Je nach Topo sind es 10 oder 11 Seillängen. Die einzelnen Seillängen sind sehr lang, meist 45 bis 50m. Die vereinzelten Bohrhaken stecken weit auseinander.

Ich habe diese Tour im letzten September beim Ausstieg des Nordostpfeiler „entdeckt“. Seit dem stand sie auf meiner imaginären ToDoListe. Heute will ich diese Tour definitiv klettern.

Die Zustiegsbeschreibung im Kletterführer ist mir nicht klar bzw. klingt für mich ziemlich umständlich. Wir steigen direkt durch das Mittagstal zur Wand hinauf. Der Einstieg befindet sich direkt in einem kleinen Bachbett. Hier ist Seilvirtuosität gefragt, damit nicht gleich im Einstieg das Material nass wird.

 

„Na, ich gehe erst einmal weiter.“ So meine Antwort auf die ausgesprochenen Fragen.

 

Schon nach ein paar Meter ist das Ego am Jubeln. Was für eine feine Kletterei! Musste es doch heute Morgen eine herbe Zurückweisung hinnehmen: „Nein, ich traue mir die Nikibi (6b+) am Crodo da Lago doch noch nicht allein zu!“ Auch wenn es sich gestern beim Auscheckens des Zustieges bis unter die Wand gut anfühlte, habe ich mich heute früh dagegen entschieden. Hier macht mein Ego jetzt Jubelsprünge.

In der dritten Seillänge kommt dann auch schon die erste der 6er Stellen. Es geht. Es geht gut! Also weiter! Mein Seilpartner bestätigt mir, daß er den Nachstieg genießen kann. Er hat Freude an der Kletterei. Das ist gut! Das ist sehr gut! Seine positiven Vibes brauche ich für meine innere Kraft. Zuverlässig ist er beim Sichern voll dabei, ruft bestätigende Worte nach oben. So sind wir ein gutes Team. An jedem Stand hat er das Topo parat und erklärt mir die nächste Seillänge: Wegführung, Länge, ungefähre Anzahl der recht weit auseinander steckenden Haken. So kann ich mich in dieser alpinen Tour auf die Kletterei fokussieren. Die einzelnen Seillängen sind lang und dadurch anstrengend.

 

Die Wand steilt langsam auf. Sie hat in der 5ten Seillänge eine diffizile Wandpassage an kleinen Leisten. Das Seil hängt schwer, klippen kann ich es nur mit Halten an der Exe. Ich bekomme das Seil kaum noch gezogen. Aber zu klettern geht es sauber! Na Bitte! Geht doch!

 

Mitten drinn in der glatten Plattenwand denke ich: „Vielleicht ist’s doch ganz gut, daß Familie, Freunde und Bekannte nicht wissen wie es wirklich aussieht, dieses Alpine Klettern. Ansonsten sind alle Diskussionen in mir schon längst verstummt. Einzig die Kämpferin in guter Gesellschaft mit der Erfahrenen steigen hier sicher Stück für Stück höher. Sie fragen nicht nach der Absicherung, sondern werfen den Blick auf die Griffe und Tritte, die vor uns liegen. Immer wieder kommen sie zu dem Ergebnis: „Das ist kletterbar!“ So steigen wir höher und höher.

Halb sitze ich, halb hänge ich in einer kleinen Gufel mitten in der steilen Wand. Dieser Hängestand ist einer der unbequemsten Sorte. Meine Nerven sind auf Anschlag gespannt. Ein Umbau ohne Führungswechsel ist hier extrem besch... zu realisieren. Ich hoffe, ich kann meinen Seilpartner doch davon überzeugen, ein paar Meter weiter vorzusteigen. Er kann das klettern. Das weiß ich! Die nächsten Haken sind in Reichweite zu sehen. Nur ist die nächste Seillänge wieder 45m. Dieser Seilzug bei 45 m ist unglaublich.

 

Er macht es! Zögerlich, aber er tut es! Nach ca. 20 m macht er Stand auf einem schmalen Band an einem guten Bohrhaken mit Zusatzsicherung. Ich bin ihm so dankbar! Augenblicklich entspannt sich mein Nervensystem und auch in den eigeschlafenen linken Oberschenkel kommt wieder Leben. Eine schwierige Plattenstelle ist noch zu meistern. Dann geht es recht moderat an einer Wulst hinauf in die Ausstiegspassagen. Dolomitentypisch geht es oben raus über viel Bruch und nicht enden wollende Zacken bis zum Ausstieg.

Hier lassen wir uns erst einmal erschöpft im Gras niederfallen. Ca. 9:00 Uhr sind wir eingestiegen, jetzt ist es fast 16:00 Uhr. Das sind 7 Stunden! Was für eine  Teamleistung!

Beim Abstieg steigt die Freude über die gelungene Tour.

Es reift in mir die Erkenntnis: Ich habe hier heute einmal mehr die Chance bekommen über mich selbst hinaus zu wachsen. Mein Seilpartner hat mich dabei unglaublich unterstützt und nur so, gemeinsam, konnte es gelingen.

Dankbarkeit, Freude und Leichtigkeit erfüllt mich.

Die Erschöpfung spüren wir erst einen Tag später.

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