Heiligkreuzkofel

23. Juli 2023

Fast ein bisschen verzweifelt hauche ich immer wieder in die Hände. Meine Finger haben komplett eine weiße Farbe angenommen und sind eisig kalt. Ich habe kein Gefühl mehr in den Händen. Mein Verstand versucht zu kompensieren. Ich klettere „auf Sicht“: „Diese Größe an Griff ist auf jeden Fall haltbar! So wird es auch halten!“ Ich stehe in der ersten Seillänge der Großen Mauer am Heiligkreuzkofel.

„Heiligkreuzkofel! Das wird Dir gefallen! Nicht ganz so schwer. Ein alpines Gesamterlebnis. Ein bisschen Ostwandfeeling. Da ist alles dabei.“ Das waren so ungefähr die Informationen, die sich in meinem Hirn festgesetzt haben. Diese Worte lösten in mir Vorfreude, Neugier und ein „Ja, klar, ich bin dabei!“ aus, als Korbi im letzten Jahr mit dieser Idee „um die Ecke kam“.

Worauf man sich wirklich einlässt, das fühlt man erst wenn man drinnen steckt. Eine nicht neue, aber doch immer wiederkehrende Erkenntnis. So ähnlich, wie die daraus schlußfolgernde: Was Du wirklich zu leisten im Stande bist, merkst Du erst, wenn Du Dich auf den Weg der Umsetzung machst.

Also suchen wir uns in diesem Jahr eine Unterkunft in St. Kassian, am Fuße des Heiligkreuzkofel und hoffen, daß wir in der eher unbeständigen Wetterlage eine Tag finden, an dem sich unser Plan umsetzen lässt.

Der Heiligkreuzkofel, so nun die weiteren Informationen, ist die letzte Bastion klassischer südtiroler Bergsteigerei. Nicht ein einziger Bohrhaken ziehrt diesen Fels. Es ist überwiegend selbst abzusichern, nur hin und wieder stecken ein paar Schlaghaken, das ist es aber auch schon.

Irgendwann in den vergangenen Monaten ist mir ein Nebelbild dieses Berges „über den Weg gelaufen“. Wie ein Hufeisen liegt er da in der Landschaft, so unglaublich schön. Ja, ich freue mich wirklich auf diese neue Erfahrung und das weitere Kennenlernen der Dolomiten.

„Die große Mauer“, 300 Klettermeter, 8 Seillängen und ein Vorbau. Die Route ist ein Klassiker aus dem Jahre 1969 von Reinhold Messner, der hier seine Jugendjahre verbrachte und an diesem Fels Klettergeschichte schrieb. Schwierigkeitsmäßig mit 7- eingestuft, klingt diese Tour numerisch gesehen erst einmal nicht wild. Aber tatsächlich haben selbst die 6er Längen mit den 6er Sportklettermehrseillängen am Lagazoui nicht viel gemein.

Der Wecker klingelt um 4:30 Uhr, 5:30 Frühstück, 6:00 Abfahrt. Ein vertrauter und sehr geliebter Ablauf, in mir steigt die Vorfreude auf den Tag.

Um 6:19 Uhr gehen wir vom Parkplatz weg. Durch den frühmorgendlich leicht nebeldurchzogenen Wald steigen wir zum La Crusc, dem Heiligkreuzkofel-Hospitz, hinauf. Wir haben es jetzt 7:00 Uhr. Langsam erwacht der Tag um uns herum. Weiter geht’s auf dem steinigen Weg.

7:30 Uhr: Der brüchige Schrofenvorbau, der in seiner Höhe fast die Hälfte der Tour ausmacht, erinnert mich tatsächlich an die Watzmann Ostwand und lässt alte Erinnerungen hochkommen. Das ist nun fast 10 Jahre her! Was ist inzwischen alles passiert? Mir schwindelt ein bisschen. Ich genieße das Steigen in dem Gelände und den frühen Morgen. Die zwei italischen Jungs, die wir am Parkplatz schon ein gutes Stück vor uns wahrgenommen haben, erscheinen hier wie aus dem Nichts und sprinten an uns vorbei.

Das letzte Stück zum Einstiegsband empor ist unglaublich brüchig. Steine fliegen um mich herum. Ich gehe in Deckung, weiche aus, warte bis es still wird. Korbi ist voraus gegangen, ich soll gesichert Nachsteigen, hier eine wirklich vernünftige Forderung. Ganz vorsichtig steige ich hinauf zum Band, unglaublich dieser Bruch.

8:30 erreichen wir das Einstiegsband. Hier müssen wir warten, die italienische Jugend steht am Einstieg und bereitet sich in aller Ruhe auf das Klettern vor. Es dauert. Bis wir einsteigen vergeht eine weitere Stunde und wir sind komplett durchgefroren.

Alles ist kalt. Die Hände, die Füße, ich friere, versuche mit Armwedeln und Windmühlenbewegungen irgendwie Wärme und Gefühl in die Arme zu bekommen. In der Hoffnung, die Energie wird mich etwas wärmen, werfe ich am Start noch schnell einen Nussriegel ein. Es hilft nur wenig bis gar nichts. Meine Finger sind komplett weiß, eisig kalt und gefühllos. Ich steige in die erste Seillänge ein.

Die Klettertour unterteilt sich im Wesentlichen in zwei Abschnitte. Die ersten vier Seillängen ist es klassische Rißverschneidungs- und Kaminkletterei, eine vertraute sächsische Bewegungsart in der der ganze Körper gefordert ist. In der 4. Seillänge sind dadurch wenigstens die Finger wieder halbwegs warm. Die Füße sind weiterhin kalt und werden das auch bis zum Ausstieg bleiben.

Die oberen vier Seillängen führen durch die namengebende große gelbe Mauer mit dem beeindruckenden Schuppenquergang.

Nach einer kurzen Mittagspause, wir haben es inzwischen 12:00 Uhr, wird es oben raus nun steiler und deutlich luftig.

Da ist sie wieder, diese altvertraute innere Stimme. Die Angst oder die Sicherheitsinspektorin, kriecht in mir hoch. Ich fange an mit ihr zu reden:

1.) Hat Korbi gesagt: Ist nicht schwer!

2.) Hängst Du hier am unteren Ende des Seils. Es ist safe!

3.) Nein! Solche Linien werden keinesfalls jemals auf meine VorstiegsToDoListe kommen. Zumindest aus heutiger Sicht jedenfalls!

4.) Es ist völlig ok so wie es ist! Dein Wert ist unabhängig vom Ende des Seiles an dem Du steigst oder der Schwierigkeit, die Du vorsteigst. Diese Unternehmung hier, ist jedenfalls gerade ausreichend weit außerhalb deiner Komfortzone.

Nach diesem kurzen inneren Dialog kann ich wieder genießen, das Hier und Jetzt. Auch Stellen, Querungen – ausgesetzt, luftig, kleingriffig, definiert, die mich noch vor einiger Zeit ins Verzweifeln und Wimmern gebracht hätten, kann ich nun wieder klar fokussiert und lösungsorientiert klären.

Ich erfreue mich an dieser großartigen Kletterei in der steilen Wand oben hinaus. Korbi verbaut in jeder Seillänge das vollständige Totemset und freut sich, wie gut sich diese neuen „Freunde“ im Dolomitenkalk legen lassen. Die große Hangelschuppe ist eine luftige und tatsächlich nur für den Nachsteiger sehr fotogene Sequenz mit definiert diffizilem Finale. Sehr ausgesetzt und überraschend anspruchsvoll ist auch der abschließende Riß in der Ausstiegslänge. Was da klappert ist ein alter Metallkeil. Um 14:30 steigen wir oben auf dem großen Plateau aus. Was für ein Anblick! Momente, wo einem der Atem stockt.

Wir freuen uns über die gelungene Tour, genießen den großartigen Ausblick und machen Pause. Alsbald treibt es uns weiter, denn der Abstieg bis zum Auto wird lang. Zuerst geht es ca. 1 Stunde über den Klettersteig zum Wandfuß hinab.

Über den Wanderweg erreichen wir um 16:30 das Hospitz. Hier haben sich inzwischen einige Tagesgäste, die bis hier hinauf auch mit der Gondel schweben können, eingefunden. Bei Kuchen und Kaffee genießen sie den grandiosen Ausblick, die Sonne und diesen wunderbaren Tag. Schade, den Kaffee hätte ich ihnen in diesem Moment gern vom Tisch genommen.

Wir flitzen aber weiter, das Auto steht ca. 1,5 Stunden unterhalb des Hospizes, einmal quer durch den Wald. Mir tun die Füße weh und ich überlege ernsthaft, hier auszuscheren und mit der Gondel nach unten zu schweben. Aber nein, mein Ego ist dagegen. Ok, so versuche ich also mit Korbi Schritt zu halten, was mir zunehmend schwerer fällt. Er geht ein ganz normales Tempo, sagt er!

17:16 Uhr, nach 11 Stunden, sind wir am Auto zurück und ich bin glücklich!

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